Finfluencer: Wenn TikTok-Tipps das Ersparte kosten
25. März 2026

Finfluencer: Wenn TikTok-Tipps das Ersparte kosten

Ein kritischer Blick auf die neue Generation der Finanzberater*innen, und warum Reichweite kein Qualitätsmerkmal ist.

Smartphone zeigt TikTok-Finfluencer-Post mit Geldscheinen und Luxusauto im Hintergrund
Social Media verspricht schnellen Reichtum, doch die Realität sieht anders aus.
Illustration: AI-generiert

Wer kennt es nicht? Man klickt sich abends durch YouTube, schaut sich Tutorials oder Unterhaltungssendungen an, und plötzlich wird man von übermotivierten mittelalten Typen in schlecht gebügelten Hemden angebrüllt, die offensichtlich in gemieteten Flugzeug-Attrappen sitzen: DU SOLLST JETZT ganz schnell ihrem Telegram beitreten, um in den nächsten 24 Stunden mindestens 10.000 Euro zu verdienen. Wer den Kopf noch nicht komplett abgestellt hat, fragt sich jetzt wahrscheinlich, wer dieser Mensch ist und warum man eigentlich auf ihn hören sollte.

Finfluencer, das Wort setzt sich aus „Finanzen” und „Influencer” zusammen, sind Menschen, die auf TikTok, YouTube, Instagram und allen anderen Social-Media-Plattformen den Traum vom schnellen Geld an Menschen verkaufen, die häufig wenig bis gar keine Finanzbildung besitzen. Die Anzahl dieser Finfluencer, und somit auch die Zahl der Menschen, die ihnen zuhören, steigt stetig.

Nachdem die BaFin bereits 2022 und 2023 vor Finanztipps und Coachings in sozialen Medien gewarnt hat, ist das Problem inzwischen auch bei der EU angekommen. Im Rahmen ihrer Retail Investment Strategy für Kleinanleger*innen soll einerseits die finanzielle Bildung gestärkt werden, aber es soll auch für Finanzberatung in Social Media strengere und klarere Regeln geben.

Was ist ein Finfluencer, und wo liegt das Problem?


Über 350 aktive Finfluencer*innen sind im deutschsprachigen Raum unterwegs und erreichen zusammen mehr als zehn Millionen Follower*innen. Grundsätzlich ist daran nichts Schlechtes. Finanzbildung ist in Deutschland ein echtes Defizit, und wenn junge Menschen sich über Social Media für ETFs und Altersvorsorge interessieren, ist das erst mal positiv.

Kernproblem

Jede*r kann im Internet Anlagetipps geben, Kurse und Coachings verkaufen und parallel das Blaue vom Himmel herunter lügen. Meist haben Finfluencer*innen keine Fachausbildung, wenig Erfahrung, und häufig entziehen sie sich staatlicher Kontrolle, teilweise sitzen diese Influencer*innen in Dubai. Wer sich betrogen oder schlecht beraten fühlt, kann sich wenig Hoffnung auf rechtsstaatliche Unterstützung machen.

Einige Betreiber*innen grenzen sich selbst von Finfluencer*innen ab, doch schaut man in deren Impressum oder sucht die verpflichtende „Erstinformation", wird man nicht fündig. Eben weil es keine Zulassung gibt und damit auch keine, oder keine genügende, Haftung für Fehl- oder Falschberatung. Ganz haftungsfrei sind sie zwar nicht, doch im Schadensfall streitet man sich erst um den Stand des Beraters und dann um möglichen Schadenersatz. Wer wissen will, ob jemand in Deutschland zur Finanzberatung zugelassen ist, kann das im Vermittlerregister prüfen. Wer dort nicht eingetragen ist, hat in Deutschland keine Zulassung. Punkt.

Auch wenn die Tipps gut gemeint sind und auf dem Erfahrungshorizont der Influencer*innen beruhen, haben diese eben meist nur einen sehr begrenzten Einblick. Dieser ist in den wenigsten Fällen auf die Realität der Konsument*innen übertragbar.

Aus der Praxis

Das erleben wir in der Beratung regelmäßig. Kund*innen kommen und sagen: „Hab gehört, ETFs sind voll toll, so ein MSCI World." Sie haben von den Vorteilen gehört, kennen aber weder die Klumpenrisiken im MSCI World noch die Schwankungen des Kapitalmarkts. Im Gespräch stellt sich dann heraus: „Mir ist Sicherheit ganz wichtig, das Geld ist für meine Altersvorsorge gedacht."

Das Ergebnis: Eine freie Investmentanlage wäre in so einem Fall gar nicht sinnvoll. Viel passender ist eine steuerlich geförderte Altersvorsorge mit Garantien. Durch staatliche Zulagen und Steuervorteile erhält man dort einen jährlichen, staatlichen Zuschuss von 12 bis 42 % auf die eingezahlten Beiträge, je nach persönlichem Einkommensteuersatz. Das ist kein Marktgewinn, sondern direkte Förderung. Doch das erklärt dir kein TikTok-Video.

Der Fall Immo Tommy: Ein Lehrstück


Fallbeispiel

Tomislav Primorac alias „Immo Tommy“

Er warb mit dem Versprechen: „Mit null Euro Startkapital zur Traumimmobilie.“ Auf TikTok und Instagram bot er Follower*innen „Rundum-sorglos-Pakete” an, nicht nur Investitionstipps, sondern gleich die komplette Finanzierung dazu.

Ohne genauere Prüfung der Immobilien oder der Kund*innen (gefälschte Gehaltsabrechnungen, fehlende Mietnachweise) half eine Volksbank den Mandant*innen von Immo Tommy zu Millionenkrediten für überteuerte Wohnungen. Die vermittelten Objekte wurden zum Teil 50 % über Marktwert gehandelt. Allein für die Kreditvermittlung soll Primorac bis zu 200.000 € kassiert haben.

Einige Betroffene haben Klage eingereicht. Die Volksbank Konstanz hat Strafanzeige wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug, Untreue und Urkundenfälschung gestellt.

Und Immo Tommy ist bei weitem nicht der einzige Fall. Wer sich an den Krypto-Hype erinnert, kennt vielleicht Bitconnect, ein Schneeballsystem, das Anleger*innen weltweit laut SEC um bis zu 2,4 Milliarden US-Dollar betrogen hat. Oder den Squid Game Token, der innerhalb von Tagen von wenigen Cent auf über 2.800 Dollar stieg, nur damit die Entwickler*innen das Geld abzogen und der Kurs auf null fiel. Die Käufer*innen konnten ihre Token nicht einmal verkaufen, weil das im Code absichtlich blockiert war.

Was die Aufsichtsbehörden jetzt tun


Eine BaFin-Umfrage aus 2024 unter 1.000 Anleger*innen zwischen 18 und 45 Jahren zeigt das Ausmaß: Über die Hälfte der Befragten halten soziale Medien für eine verlässliche Quelle für Finanzinformationen. 60 Prozent sehen sie sogar als gute Alternative zur professionellen Beratung.

Die BaFin und ESMA haben deshalb Anfang 2026 ein gemeinsames Factsheet herausgebracht:

  1. Rechtliche Verantwortung Finfluencer*innen tragen rechtliche Verantwortung für das, was sie sagen, auch dann, wenn unter dem Video „keine Anlageberatung“ steht.
  2. Offenlegungspflicht Wer Geld dafür bekommt, ein Finanzprodukt zu bewerben, muss das offenlegen. Schluss mit verdeckter Werbung.
  3. Erlaubnispflichtige Beratung Personalisierte Kaufempfehlungen sind erlaubnispflichtige Anlageberatung, egal ob im Büro oder auf TikTok zwischen Tanzvideo und Bananenbrot-Rezept.
  4. Hochrisikoprodukte Besondere Vorsicht bei CFDs, Forex und Krypto-Derivaten. Dein Geld kann komplett weg sein. Nicht ein bisschen, nicht die Hälfte, alles.
  5. Produkte wirklich verstehen Nicht wie ein Papagei das Wort „Rendite“ nachplappern, sondern erklären können, warum jemand damit auch alles verlieren kann. Kein Druck, keine Dringlichkeit.
  6. Keine falschen Expert*innen Wer ein Produkt nicht vollständig versteht, sollte nicht so darüber sprechen, als ob. Schlechte Empfehlungen schaden allen Beteiligten.

„Es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wichtig wäre, die irreführende Werbung von Finfluencer*innen tatsächlich zu stoppen und das Geschäftsmodell lahmzulegen. Dafür reichen keine Factsheets."

Christian Torenz, Inhaber Soziale Finanzberatung

Was qualifizierte Berater*innen anders machen


Es gibt einiges, das zugelassene Versicherungsmakler*innen oder Finanzberater*innen von Finfluencer*innen unterscheidet:

Ausbildung & Qualifikation

Wer in Deutschland als Finanzanlagenvermittler*in oder Versicherungsmakler*in tätig sein will, braucht eine IHK-Zulassung nach §34f oder §34d der Gewerbeordnung. Das erfordert eine Sachkundeprüfung und in vielen Fällen mehrere abgeschlossene Ausbildungen. Unser Inhaber Christian Torenz bringt allein fünf davon mit: Kaufmann für Versicherungen und Finanzen (IHK), Finanzanlagenvermittler nach §34f (IHK), Versicherungsfachmann nach §34d (IHK), Bankbetriebslehre (IHK) und Fachmann für Direktversicherung (DMA). Dazu ist er zertifizierter Nachhaltigkeitsberater am Institut für nachhaltiges, ethisches Finanzwesen.

Weiterbildung
Es müssen im Jahr mindestens 15 Stunden qualifizierte Fachseminare absolviert werden.
Aufsicht
Die Einhaltung der Regularien wird von Gewerbeämtern, IHK und BaFin regelmäßig geprüft. Zugelassene Vermittler*innen sind im Vermittlerregister eingetragen, dort kann jede*r öffentlich nachschlagen, ob eine Person oder ein Unternehmen tatsächlich zur Beratung berechtigt ist. Finfluencer*innen sind dagegen erstmal nur ihrem mehr oder weniger ausgeprägten Gewissen verantwortlich.
Berufshaftpflicht
Zugelassene Berater*innen haben eine Berufshaftpflicht. Das bedeutet, dass es eine Haftung gibt, falls es durch Beratungsfehler zu Schäden kommt. Bei Finfluencer*innen haftet niemand.
Individuelle Beratung
Eine echte Beratung beginnt damit, die persönliche Situation zu verstehen: Was verdienst du, was gibst du aus, was willst du erreichen? Ein TikTok-Video stellt diese Fragen nicht.

Seriöse Beratung endet nicht nach dem Abschluss. Strategien werden angepasst, Berater*innen bleiben erreichbar. In 17 Jahren hat Christian Torenz rund 9.000 Beratungen geführt, bei aktuell etwa 1.400 Kund*innen. Diesen Erfahrungshorizont kann ein 60-Sekunden-Video nicht ersetzen.

Bevor ihr dem nächsten Tipp folgt


Auch unter Finfluencer*innen gibt es natürlich nicht nur Betrüger*innen, wahrscheinlich gibt es auch welche, die gute Arbeit machen. Für Laien ist es ziemlich schwer, sich ein realistisches Bild zu machen. Deshalb sollte man sich diese drei Fragen stellen, bevor man Tipps aus dem Internet glaubt:

  • Wer steht dahinter, und welche Qualifikation hat die Person?
  • Wer verdient daran, und ist das transparent?
  • Würdet ihr auf Basis eines 60-Sekunden-Videos eine Entscheidung treffen, die eure Finanzen für Jahre beeinflusst?

„Finfluencer*innen wecken oft die Gier in dir. Bleib bei klarem Verstand und handel rational. Lass dich nicht durch kurzfristige Gewinnversprechen und Spekulationsgeschäfte verunsichern. Die Basis für langfristigen Vermögensaufbau ist ein solides Vertrauensverhältnis, eine gesetzliche Zulassung und eine langfristige Begleitung durch alle Lebensphasen hindurch. Dafür sind wir gern der Partner an deiner Seite.”

Christian Torenz, Inhaber Soziale Finanzberatung

Fragen zu eurer finanziellen Situation?
Wir beraten persönlich, unabhängig und mit Haftung, nicht mit einem 60-Sekunden-Video.

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Quellen & Weiterlesen
  1. ESMA/BaFin Factsheet „Finfluencer“ (Januar 2026)
  2. BaFin-Meldung zur Veröffentlichung des Factsheets
  3. WirtschaftsWoche: Immo Tommy
  4. Cash Online: Skandal um Immo Tommy
  5. t3n: Studie zum Einfluss von Finfluencern
  6. MoneyToday: Finfluencer zwischen Vertrauen und Regulierung
  7. Coin-Update: BitConnect, Krypto-Betrug
  8. Wikipedia: Squid Game Token Scam
  9. Vermittlerregister, Deutsches Register für Versicherungsvermittler und Finanzanlagenvermittler